Kampf um meinen Körper – Ein Interview über Selbsthass und Selbstliebe

Kampf um meinen Körper – Ein Interview über Selbsthass und Selbstliebe

Wo man aktuell online hinhört und -sieht, kommt man an den Themen Selbstliebe, Selbstoptimierung und positivem Denken nicht mehr vorbei. Dabei muss ich doch eigentlich gar nicht immer „super happy“ sein, oder? Mir persönlich geht es vielmehr darum mit mir und meinem Körper ausgeglichen zu sein. Da gibt es wie in einer guten Beziehung gute und schlechte Tage – aber trotzdem liebe ich mich.

Durch einen wunderbaren Zufall habe ich eine junge Frau kennengelernt, die diese Ansicht mit mir teilt. Und noch viel mehr, sie fordert:

Hör auf gegen deinen Körper zu kämpfen und liebe dich endlich selbst!

photo credits: Anna Gribtsova

Viktoria Filov. In Ihrem Projekt auf Facebook stellt sie „echte Frauen, mit echten Geschichten“ vor. Ich habe sie um ein Interview gebeten, denn ich finde ihre Aktion wunderbar und möchte sie unbedingt mit euch teilen!

 

Das Interview:

 

Magst du uns etwas zu deiner Person erzählen?

Die schwierigste Frage.. Ich bin Viktoria, Träumerin und Kämpferin, ein Mensch mit einem großen Herzen und mit noch größeren Zielen. Ich verbrachte ungefähr elf Jahre meines Lebens im Kampf gegen meinen eigenen Körper, gegen das Essen und auch gegen mich selbst.

Ich konnte meinen Körper nicht akzeptieren, sprang von einer Diät in die nächste, litt an heftigsten Fressattacken und sah auch nichts Positives an meiner Persönlichkeit. Unendlich viel Zeit und Energie wurde damit verschwendet, mich selbst zu hassen und mir Gedanken übers Essen zu machen.

Es hat lange gedauert, aber ich habe es letztendlich geschafft, aus dem Diätwahn auszubrechen, mit meinem Körper in Verbindung zu kommen und meinen Wert als Person anzuerkennen. Jetzt versuche ich durch meinen Blog sowie meine FB-Seite diesem Thema Raum zu geben und andere Frauen zu bestärken. Ich gebe auch Workshops und habe vor einer Weile mit Coaching angefangen. Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen und ich sehe es als meine Lebensaufgabe, andere Frauen dabei zu unterstützen, Frieden mit ihrem Körper, mit dem Essen und mit sich selbst zu schließen.

 

Und natürlich auch zu deinem „Projekt“?

Ich habe das Projekt „Kampf um meinen Körper“ ins Leben gerufen, bei dem es darum geht, die realen, unverschönerten Körper zu zeigen und die Geschichten der Menschen rund ums Thema „Körperakzeptanz“ zu hören. Menschen, die Körperhass erfahren haben, wissen, wie schwer es ist, mit dem eigenen Körper Frieden zu schließen, daher auch das Wort „Kampf“ im Namen des Projekts.

 

Ich habe von deiner Idee gelesen und es hat mich sofort fasziniert, wie bist du darauf gekommen?

Dieses Projekt ist sehr spontan entstanden. Auf meiner Facebook-Seite hat mich eine Frau angeschrieben. Sie hat mit mir ihre Geschichte geteilt und auch ein Foto von ihrem Bauch angehängt. Sie meinte, ich kann dieses Foto auf meiner Seite veröffentlichen, damit die anderen Frauen sehen, dass auch mit so einem Bauch ein Leben in Selbstakzeptanz möglich ist. Und sofort dachte ich: „Das ist genau das, was wir gerade brauchen! Echte Körper, wahre Geschichten!“ Und am nächsten Tag habe ich schon den Aufruf gepostet.

 

Und warum gehst du damit an die Öffentlichkeit?

Durch diese Bilder und Geschichte möchte ich, erstens, die “imperfekten” Körper normalisieren und somit ein Zeichen gegen den Schönheits- und Abnehmwahn setzen. Zweitens, möchte ich einen ehrlichen Austausch über dieses Thema anstoßen. Ich möchte, dass dieses Projekt zeigt, wie viel Schmerz, Scham, Angst und Frust im Thema „Körper“ verborgen ist. Ich möchte, dass Menschen sich in den Geschichten anderer wiederfinden und sich nicht mehr alleine oder unnormal fühlen. Ich möchte, dass dieses Projekt zeigt, wie die gängigen Schönheitsideale uns klein halten und wie die Jagd nach einem „perfekten“ Körper unser Leben zerstört. Und ich möchte natürlich auch Menschen inspirieren und ihnen Mut machen, dass es auch anders geht, dass Körperakzeptanz und ein liebevoller Umgang mit dem eigenen Körper möglich sind. 

 

Ich habe einige Frauen gesehen, die ebenfalls sofort begeistert davon waren. Hast du mit so einem solch großartigen Feedback gerechnet?

Irgendwie schon. Seitdem ich über das Thema offen rede, merke ich mit Schrecken, wie unheimlich viele Frauen davon betroffen sind. Und es freut mich sehr, dass Frauen sich trauen, ihre schmerzhaften Geschichten bis ins Detail mit der Welt zu teilen. Hoffentlich werden noch mehr Frauen bei dem Projekt mitmachen!

 

Was war dein bisher größter Erfolg?

Mein größter Erfolg… ich glaube, mein größter Erfolg ist das Leben, das ich mir hier in Deutschland aufgebaut habe. Ich kam hierher ganz alleine und es war am Anfang echt nicht einfach: andere Sprache, andere Mentalität und ich war ganz auf mich alleine gestellt. Ich hatte nicht mal eine Person, die ich hätte umarmen können! Das war echt schlimm! 😀 Jetzt, fast sieben Jahre später, fühle ich mich super wohl hier und bin unendlich dankbar dafür, dass ich hier sein darf. Ich habe wahnsinnige Freunde gefunden, die hinter mir stehen, an mich glauben und mich in allem unterstützen. Und auch sonst ist mein Bekanntenkreis relativ groß und voller toller, inspirierender Menschen! Es macht mich echt glücklich und stolz zu sehen, was ich hier alles  über die Jahre aufgebaut habe und wie sehr ich selbst gewachsen bin!

 

Und welches das größte Hindernis, was du beseitigen musstest?

Mein Vernachlässigungstrauma und den Verlust meines älteren Bruders. Als ich sieben Jahre alt war, wurde mein zweiundzwanzigjähriger Bruder ermordet. So habe ich den einzigen Menschen verloren, der mich wirklich bedingungslos geliebt hat, mein bester Freund, mein Beschützer und mein Held war. Zusammen mit ihm habe ich aber auch meine Eltern „verloren“, weil meine Mama sich jahrelang nicht von dem Verlust erholen konnte und mein Papa sich um sie kümmern musste. Dann kam es noch dazu, dass ich ein paar Mal mit meinem Bruder verglichen wurde, nie zu meinen Gunsten. Als Kind habe ich daraus geschlossen, dass mein Bruder viel besser war als ich und dass mein Tod für meine Eltern einfacher gewesen wäre.

Ich habe für mich gespeichert, dass alles ein Ende hat, dass ich jederzeit verlassen werden kann, dass ich nicht liebenswert und nicht gut genug bin und dass ich meinen Wert immer wieder aufs Neue beweisen muss. Echt heftig. Aber ich habe den größten Teil davon schon verarbeitet. Auch mit meinen Eltern habe ich eine wundervolle Beziehung, die nur dadurch möglich war, dass wir irgendwann den Mut hatten, das Thema auf den Tisch zu bringen. So viele Versöhnungstränen sind geflossen! Ich hätte nie gedacht, dass wir dieses Thema irgendwann so offen ansprechen werden.

 

Wie stehst du heute zu dir selbst? Bist du dir selbst eine Freundin?

Ja, auf jeden Fall! Als ich vor ca. zwei Jahren die Tiefe erreicht habe und merkte, wie schrecklich ich mich selbst behandelte, habe ich mir das Wort gegeben, das ich damit aufhören werde.  Seitdem hat sich sehr viel verändert. Ich weiß, dass ich immer noch sehr hohe Ansprüche an mich selbst habe, aber auch dann versuche ich mir gegenüber empathisch zu sein. Bei diesem Prozess hat mich gewaltfreie Kommunikation sehr unterstützt (viele denken, dass es dabei nur um Kommunikation mit anderen Menschen geht, aber GfK ist viel komplexer und umfangreicher als das! Das ist eine Lebenseinstellung, die Art und Weise, wie man sich selbst und andere Menschen wahrnimmt und behandelt).

 

Hand aufs Herz: Bist du wirklich immer super zufrieden und im Einklang mit dir?

Haha, nein, natürlich nicht. Es wäre total verrückt, wenn das so wäre. Wir sind Menschen und haben bessere und schlechtere Tage. Manchmal bin ich unzufrieden mit mir selbst oder sogar enttäuscht von meinem Verhalten, manchmal verliere ich den Glauben an mich. Aber ich habe gelernt meine Gedanken zu hinterfragen und mich quasi selbst zu coachen. Auch im Bezug auf meinen Körper bzw. einen Körperteil habe ich manchmal Momente, an denen sich beurteilende und abwertende Gedanken zeigen. Ich weiß aber, dass mich diese Gedanken nur runterziehen und mir meine Kraft rauben werden, deswegen entscheide ich mich dafür, ihnen keine Wichtigkeit beizumessen. Mein Körper darf so sein, wie er ist.

Und ich muss sagen, ich habe den Eindruck, dass uns heutzutage oft vermittelt wird, dass wir unsere Körper LIEBEN sollen, und zwar immer. Erstens ist das absolut utopisch und setzt Menschen unter unnötigen Druck. Zweitens müssen wir nicht unbedingt nach Liebe streben. Für manche Menschen – vor allen für diejenigen, deren Körper in unserer Gesellschaft marginalisierten werden – kann das sehr überfordernd und frustrierend sein. Es reicht auch schon, wenn wir unsere Körper akzeptieren und ihnen gegenüber neutral gesinnt sind (body neutrality).

 

Die Tage sind nun kürzer, es ist oft dunkel und kalt. Hast du einen Tipp wie unsere Leser trotzdem ihr inneres Lächeln bewahren können?

Ach, ich finde, wir müssen uns nicht danach streben, immer das innere Lächeln zu bewahren. Gerade wird das positive Denken voll gehypt und es wird generell viel über Positivität gesprochen. An sich ist das ja nicht schlecht, das Positive an den Ereignissen zu sehen und das Gefühl der Dankbarkeit in uns zu pflegen. Leider wird es oft so verstanden bzw. vermittelt, dass wir jetzt immer gut drauf sein, immer lächeln und in allem nur das Positive sehen müssen. Das ist keine gute Einstellung, jedenfalls wird sie uns nicht erfüllt und glücklich machen.

Ich bin dafür, dass wir alles Facetten unseres Lebens ausleben und auskosten, dass wir Gefühle als Geschenke unserer Seele ansehen, die wichtige Botschaft für uns haben; dass wir die Gefühle zulassen, ihnen Raum geben und sie erforschen. DAS ist das, was das Leben so saftig und so dynamisch, so besonders macht! Ich möchte nicht darauf verzichten, Traurigkeit, Angst, Ärger oder Zweifel zu verspüren, denn  was wäre mein Leben ohne diese Gefühle? Eine gerade Linie, ein Flachland, ein Stillstand? Nein, ich möchte die Tiefen und die Höhen und alles, was dazwischen liegt! Und ich würde mir wünschen, dass Menschen von den sogenannten negativen (besser: „unangenehmen“ oder sogar „herausfordernden“) Emotionen nicht flüchten und sie nicht verdrängen, sondern sie als einen wichtigen Teil ihres Seins annehmen.

 

Was magst du unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

Ich sehe das so oft, dass Frauen ihr Leben aufs später verschieben, dass sie irgendwas nicht machen, was sie angeblich keinen passenden Körper dafür haben. Ich finde das unendlich schade, denn im Grunde genommen nehmen wir uns dadurch unser eigenes Glück weg. Daher: „Ihr Lieben, bitte, lebt euer Leben JETZT! Warten nicht, bis ihr abgenommen habt oder mehr Selbstbewusstsein besetzt. Tragt jetzt die Kleidung, die euch gefällt, geht jetzt zu diesem Tanzkurs, zu dem ihr schon lange gehen wolltet, euch aber nicht getraut habt, genießt jetzt das Essen, seid jetzt kreativ, erforscht jetzt eure Sexualität und seid jetzt glücklich! Euer Glück liegt in euren Händen.

 

Zur Person:

Viktoria Filov (27), kommt gebürtig auf Weißrussland und lebt jetzt in Bremen. Sie macht derzeit ihren Master in Transkulturellen Studien fertig und arbeitet freiberuflich als Trainerin und Coach, sie unterstützt Frauen dabei, Frieden mit ihrem Körper, dem Essen & sich selbst zu schließen. Mit ihrer Website: www.viktoriafilov.com setzt sie ein Zeichen gegen gesellschaftliche Zwänge und Schönheitswahn, hin zu radikaler Selbstliebe, einem gesunden Körperbild und Selbstverwirklichung.

 

photo credits: Anna Gribtsova

Ich hoffe…

 

… das Projekt hat euch ebenfalls berührt. Wir freuen uns wenn ihr es mit anderen teilt und wer weiß, vielleicht möchtet ihr ja sogar Teil des Projekts werden? Viktoria freut sich über jede Geschichte, diese werden übrigens auf Wunsch auch völlig anonym veröffentlicht.

 

 

5 comments found

  1. Meine Meinung zu genau diesem Thema habe ich unlängst erst in drei Beiträgen beleuchtet. Deshalb heute an dieser Stelle nur so viel. Mit der Selbstliebe ist es nicht anders, wie bei der Liebe zu anderen Menschen. Man kann sich durchaus über Partner, Kinder oder Eltern ärgern. Die Kunst iest es jedoch diesen Ärger rückstandslos loszuwerden. Durch Kompromisse oder auch durch Akzeptanz.
    Ich richte mich mit mir ein und definiere meine eigenen Grenzen. Und dann ist die Beziehung zu mir kein Krafträuber mehr. Ebenso schlechte Laune. Die ist für mich keine Option. Sie macht es in der Regel auch nicht besser. Kostet nur meine Nerven und raubt mir meine Energie.
    Ich bin da recht egoistisch veranlagt. Mein Seelenfrieden ist mir heilig. LG Sunny

  2. So, wie Viktoria hier beschrieben wird, nehme ich ihr mit ihrer Geschichte durchaus ab, dass sie es geschafft hat, in einem Prozess, der nun mal nicht von heut auf morgen geht (meistens zumindest nicht) sich selbst anzunehmen und zu lieben. Finde ich großartig.
    Was mich an dem ganzen Hype um Selbstliebe nur stört ist dieses über allem schwelende „Na, los, jetzt lieb dich gefälligst selbst, Du Loser!“ (das mag jetzt übertrieben sein, aber so krieg ich das mit)… nachdem es jahrzehntelang hieß: so, wie du bist, bist du nicht gut genug! Tu was dagegen… mach Sport, Diät, quäl dich etc…! ICH persönlich habe lange gebraucht, aber heute kann ich mich voll und ganz annehmen. Dazu kommt ein gesunder Egoismus. Ich bin doch der wichtigste Mensch für mich selbst! Logisch.
    Selbstliebe ist eins der essentiellsten Dinge, die man lernen kann, aber eben nicht auf Biegen und Brechen und nicht, weil’s hip ist! Selbstliebe ist der einzige Weg, andere Menschen zu lieben und für andere da sein zu können. Umgekehrt klappt es leider nicht. Und Selbstliebe war eigentlich immer schon hip, angeblich hat es ja Jesus schon auf den Punkt gebracht „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Nur das „wie dich selbst…“ haben viele nicht so ernst genommen ;-D
    Danke für das interessante Interview!
    Liebe Grüße, Maren

    1. Ich verstehe Deine Argumente. Grundsätzlich. Vielleicht fällt die Selbstliebe nicht jedem leicht. Es ist leichter wie gehen, von Radfahren gar nicht erst zu sprechen. Vermutlich weil man es ganz einfach tun kann. Nichts und niemand kann einen hindern. Und versuchen kann mans doch auf jeden Fall. Es merkt ja keiner, wenn es einem nicht gelingt. LG Sunny

    2. Liebe Maren, ich habe zu danken, für deinen tollen Kommentar! Und ja, ich stimme dir zu, man liebt sich nicht einfach selbst nur weil es gerade hip ist. Ich persönlich nehme meinen Körper gar nicht so wichtig. Klar schaue ich schon ob das was ich trage mir steht und ob das Make Up einigermaßen sitzt. Aber ich stehe morgens nicht auf uns denke: „Mist, ich habe immer noch diese schiefe Nase und den doofen Bauch, mein Leben ist furchtbar.“ Ja, mich stören diese Dinge, aber es gibt in meinem Leben einfach wichtigeres in meinem Leben, ich lasse diese „Mängel“ weder meinen Tag noch mein Leben bestimmen. Akzeptanz für die Nase und vielleicht etwas mehr Sport für den Bauch. Trotzdem glaube ich, bin ich mit mir im reinen und das wünsche ich euch allen. Und vielleicht gibt es ja irgendwann auch mal ein echtes Umdenken, durch diesen „Trend“ ist auf jeden Fall schon mal ein Schritt in die richtige Richtung getan.

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